Dienstgebäude Landratsamt, Karlsruhe

Aus der städtebaulichen Vorgeschichte und dem Rahmenplan des Werkstattverfahrens haben wir für den Entwurf folgende Parameter abgeleitet:

- Position des bestehenden Hochhauses im Stadtgrundriss ist richtig
- Aufbau Querverbindung / Sichtverbindung zwischen Staatstheater und Hochhaus
- Fortführen der Beiertheimer Allee als „offene Allee"
- keine geschlossene Bebauung mit Straßenflucht
- Integration des Billing-Baus in einen großen Stadtblock
- keine zwei separate Stadtblöcke
- Großform im Stadtgrundriss als stadträumlich ordnende Struktur

Die oben aufgeführten Parameter haben wir in einem transformatorischen Prozess in das vorgegebenen Raumvolumens des Rahmenplans „eingearbeitet". Durch das gezielte Zurücknehmen der Raumkanten, die Aufhebung der Straßenflucht und das Öffnen des Volumens verschmelzen die beiden zuvor voneinander getrennten Blöcke zu einem großen Stadtblock in dessen Mitte das Hochhaus steht. Dort liegt, unter Berücksichtigung der klassischen Blickachsen, die ideale Position im Stadtgrundriss.
Durch die Öffnung des Volumens entsteht zwangsläufig eine Figur mit einem Anfang und einem Ende, eine städtebauliche Großform. Diese städtebauliche Großform, eine mäandrierende Bebauung, schließt den Blockrand im Norden und Westen und bildet eine Platzkante im Osten in Richtung Ettlinger Tor. In der Folge weicht die Raumkante bis zum Hochhaus zurück, dem Abschluss des Mäanders. Dadurch steht das Hochhaus direkt am Platz und ist in seiner ganzen Höhe erlebbar. Hier spannt sich die Sicht- und Querverbindung vom Hochhaus zum gegenüberliegenden Staatstheater auf, deren räumliche Fassung durch die beiden angedachten Torhäuser nochmals gestärkt würde. Im Südwesten, am Übergang der Beiertheimer Allee zur Hermann-Billing-Straße, beginnt der Mäander mit dem Wohnhochhaus.
Die Beiertheimer Allee, als offene Allee mit ihren „harten" bebauten und „weichen" grünen Kanten angelegt, findet ihren Abschluss am neuen Eingangsplatz des Landratsamtes. Dabei wird der harten Kante des Billing-Baus bewusst eine weiche Kante gegenübergesetzt. Diese weiche grüne Kante ist als parkartige Stadtlandschaft entworfen, die sich auch auf dem überdachten Innenhof des Mäanders fortsetzt. Durch die Entscheidung keine Straßenflucht entstehen zu lassen wird der Billing-Bau zu einem Teil des großen Stadtblocks in dessen Zentrum das Hochhaus steht.
Das Hochhaus richtet seine Fassaden an den Blickachsen der Stadt aus. Dabei ist das Bestreben von den Hauptblickachsen – vom Schloss, vom Bahnhof und den beiden Seiten der Kriegsstraße - möglichst schmale Ansichten entstehen zu lassen. Wir erreichen das durch eine Facettierung der Grundrissfigur. Im Aufriss entstehen so die angestrebten schmalen Über-Eck-Ansichten.
Die städtebauliche Großform wird über ein durchgängiges Fassadenmaterial definiert, das am Wohnturm, über den mäandrierenden straßenbegleitenden Teil bis hin zum Hochhaus eingesetzt wird. Dabei halten wir den Klinkerstein für das ideale Material der Großform trotzdem einen differenzierten Ausdruck zu verleihen. Mit dem „handlichen" Format des Klinkers wird dem menschlichen Maßstab automatisch Rechnung getragen. Die Vielzahl der Mauerwerksverbände, die Möglichkeit der Vor-, Rücksprünge und Auslassung von Mauersteinen bieten die Varianz eine abwechslungsreiche Fassade im Detail zu gestalten. Die dargestellte Fassade gibt mit ihren Öffnungsformaten und den Absätzen nur die grundsätzliche Gliederung vor. Dabei sehen wir quadratische Öffnungen in den straßenbegleitenden Teilen und dem Wohnturm vor und stehende rechteckige Öffnungen im Turm und im durchgehenden Sockelgeschoss. Die Farbe des Klinkers soll sich nach den verwendeten Natursteinen der beiden Billing-Bauten richten.
Im Gegensatz zur steinernen Stadtfassade steht der Trägerrost aus Holz, der als Dachtragwerk den Innenhof des Mäanders überspannt. Die Atmosphäre wechselt mit Betreten der Halle von städtischer Geschäftigkeit hin zu einer ruhigen Konzentriertheit unterstützt durch den Wechsel des Materials und der grünen Innenhofoasen. Hier sind auf einer Ebene im Anschluss an die Eingangshalle des Landratsamtes das Servicecenter, das Beratungscenter und der gesamte Versammlungs- und Konferenzbereich untergebracht. Der große Konferenzsaal liegt mit Blick ins Grüne und Zugang ins Freie am Ende der Halle. Über eine doppelläufige Treppe, die in zwei Richtungen nach oben führt, kommt man vom Zentrum der Halle ins Betriebsrestaurant, das im Sitzbereich eine doppelte Raumhöhe hat. Der Freibereich des Restaurants liegt auf dem begrünten Innenhofdach. Im 3.OG befindet sich die betriebsärztliche Praxis, im 5.OG, dem Übergang in den Turmbereich, die Kita mit einem großen Freibereich in Form einer eingefassten Dachterrasse. Darauf folgen die verschiedenen Dezernate in den einzelnen Turmgeschossen. Auf dem Dach des Turms befindet sich ein öffentlich zugänglicher Dachgarten mit Biergarten. Wir haben bewusst keine „Skybar" vorgeschlagen, weil wir der Meinung sind, dass ein badischer Biergarten besser zum „Haus des Landes" passt und für jeden zugänglich sein sollte.
Die Freianalgen nehmen das Konzept der Beiertheimer Allee, mit ihrer einseitig geschlossenen Bebauung und einer gegenüberliegenden parkartigen Freifläche, die sich bis auf das Dach des Innenhofs weiterzieht auf. Die Allee wird nachgepflanzt. Dabei führt eine Reihe weiter auf den neuen Eingangsplatz des Landratsamtes und bringt die diagonale Richtung zum Abschluss. Ein langgezogenes Wasserbecken nimmt die Richtung der Kriegsstraße auf und führt zum Eingang des Landratsamtes. Die richtungsweisenden Platzkanten werden mit Sitzelementen ausgebildet. Insgesamt soll der Platz mit vielen schattenspendenden Bäumen bepflanzt werden, die neben den gerichteten Alleebäumen frei verteilt werden. Die Platzfläche weicht in der Sichtachse zum Staatstheater zurück und wird zum Fuß des Hochhauses geführt. Hier befinden sich die direkten Zugänge zum für den öffentlichen Dachgarten mit Biergarten und die des Personals. Über die Beiertheimer Allee wird die Tiefgarage erschlossen. Sie dient auch als Vorfahrt für Taxis und für amtliche Besuche. Im Verlauf sind einige oberirdische Parkplätze angeordnet. Die oben beschriebene parkartige Freifläche wird als ökologisch wertvolle Blühwiese ausgebildet und gibt dem Turm Raum in der Stadt, um seine Wirkung auch aus Fußgängerperspektive wahrzunehmen. Der großzügig verglaste Landratssaal am Ende der Halle öffnet sich auch zu dieser grünen Fläche. Von der davorliegenden Terrasse gelangt man über eine Freitreppe auf den Dachgarten im Innenhof.
Zur Nachhaltigkeit tragen die kompakten Baukörper der beiden Türme bei, die Dauerhaftigkeit des Fassadenmaterials, der große Trägerrost aus Holz, der den Innenhof überspannt und die flexibel nutzbaren Grundrisse der straßenbegleitenden Bebauung. Die große Dachfläche des Innenhofs und das Dach des Turms sollen als intensiv begrünte Gärten ausgebildet werden. Die Dächer des Wohnturms und der 6-geschossigen Bebauung soll als Regenrückhaltung dienen und mit Photovoltaik belegt werden. Zusätzlich werden Teile der senkrechten Deckenverkleidungen im Turm mit Photovoltaikelementen bekleidet. So können große Teile der Eigenstromversorgung sichergestellt werden.

Art

Realisierungswettbewerb, 2021

Ort

Karlsruhe

Auslober

Kreisverwaltung Landratsamt Karlsruhe

Bearbeiter

M. Dürr | D. Lahr | C. Süßmann | T. Quynh

Fachberater

ZWEILAND Landschaftsarchitektur

Visualisierung

loomn architekturkommunikation

Publikationen

competitionline 08.07.2021